Über Vorsätze und Ziele

Schaffen es Ihre Vorsätze bis in den Februar?

Letzte Woche in der Praxis: "Die Hälfte meiner Vorsätze schafften es nicht einmal bis zum 3. Januar!", die Frau verdreht die Augen. "Kennen Sie das auch?" Gesund essen, mit dem Rauchen aufhören, endlich regelmässig Sport treiben und den Estrich räumen. Alles hehre Ziele und es gibt auf den ersten Blick keinen vernünftigen Grund, diese nicht zu verfolgen. "Und erst das Baby-Fotobuch vom Sohn. Es kommt jedes Jahr neu auf die Liste!" Der gute Junge ist in der Lehre. Es kann schon Ausmasse annehmen, diese Verschieberitis...

Mögen Sie den gebrochenen Vorsatz?

Diese Frage stelle ich sowohl Kindern als auch Erwachsenen. Gern an dem Punkt, wo sie gerade so schön in Fahrt kommen, sich selber zu verurteilen. Im Allgemeinen antworten sie mit nein. Wobei es bei Kindern meistens um Vorsätze geht, die ihre grossen Artgenossen für sie getroffen haben. Meinem Menschenbild folgend ist es logisch, dass das nicht funktioniert. Nicht so bei den Grossen, die wählen ja selber. Es scheint auf den ersten Blick etwas merkwürdig, dass man sich etwas vornimmt, was man gar nicht mag. Unter solchen Umständen müsste man sich selber gegenüber grad umso mehr Verständnis aufbringen, dass man diese ungeliebten Vorsätze gleich wieder über Bord wirft.

Geliebtes Ziel in weiter Ferne

Genauer nachgefragt stellt sich folgendes heraus: Es gibt es bei ausgewachsenen Menschen durchaus ein erstrebenswertes Ziel, das sie lieben würden und wo sie gerne hin wollen. Einzig die damit verbundene Anstrengung ist mühselig. Da sie aber glauben, allein durch diese Mühsal ihr Wunscherleben zu erreichen, wählen sie den unbequemen Weg als Vorsatz, statt wie zu erwarten wäre, das geliebte Endziel. Wie hoch glauben Sie, ist der Erfolg im Verhältnis zum Preis? Eben sehr oft erscheint der Preis dann doch zu hoch. Oder, was auch regelmässig eintrifft: andere wichtige Bedürfnisse stehen einem plötzlich näher als der quälende Vorsatz und das verschwommene Ziel in der Ferne. Und zack! - schon ist es passiert: Einmal etwas durchgehen lassen und dann die Flinte ins Korn geworfen.

Fernrohr gezückt, Wunscherleben daher zoomen, Weg in Frage stellen

Aus dieser Perspektive betrachtet scheint es nun folgerichtig, das Fernziel einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Nehmen wir als Beispiel das Aufräumen des Estrichs. Was wäre denn gewünscht und toll nach dem Aufräumen? Ein klares, erlebbares Ziel, das einem nah steht. Etwas, das einem über die qualvollen staubigen Stunden unter dem Dach hinweghelfen würde. Gibt es das überhaupt? Wie sähe das aus? Wie fühlt man sich dabei? Was macht man mit all dem freien Platz? Neu einrichten? Wie sieht das konkret aus? Gibt es einen bestimmten Geruch? Sound? Licht? Wie bewegt man sich darin? Und ist das mühselige Aufräumen der einzige Weg dazu? Muss man das alleine machen? Gibt es Hilfe, Alternativen und Variationen? Muss man, wenn man einmal etwas hat durchgehen lassen, gleich ganz aufgeben? Wenn Sie sich all diese Antworten gegeben haben, wird sich bestimmt etwas ändern in Ihrer Beziehung zum Ziel.

Vorsätze und Ziele überdenken und neue Beziehung dazu aufbauen

Es gibt auch die Möglichkeit, die Vorsätze und Ziele grundsätzlich in Frage zu stellen und zu erforschen, welche tiefer liegenden Bedürfnisse hinter den vermeintlichen Wünschen stecken. Die Auseinandersetzung mit vergessenen Sehnsüchten fördert oft gleichzeitig zu Tage, was die Umsetzung verhindert. Dann kann es gut sein, dass man eine neue Beziehung zum vermeintlichen Ziel entwickelt. Zum Beispiel, dass es vielleicht gar nicht erstrebenswert ist, einen bestimmten Vorsatz umzusetzen. Könnte gar das Gegenteil wahr sein? Wäre es möglicherweise sehr unvorteilhaft, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, weil es Kollateralschäden gäbe? Wer weiss! Und zack! - schon stellt man fest, dass die eigene innere Weisheit Schlimmeres verhindert hat. Bevor man selber merkt, welch grossartige Kompetenzen in einem schlummern, sind sie schon aktiv. So effizient funktioniert das mit den unwillkürlichen Seiten in uns.

Ungeachtet aller Theorien scheint es hilfreich zu sein, sich nicht gleich zu verurteilen. Mit einem liebevollen Blick auf unsere sogenannten Unzulänglichkeiten und all die Seiten in uns, die wir noch nicht ganz verstanden haben, lebt es sich auch viel bequemer.

Herzlich,

Claudia Patricia Kronenberg

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