Epischer Entscheidungsprozess

«Wenn ich über Feuer gehen kann, dann kann ich alles schaffen!»

So köderte der Kursleiter die Ehrgeizigen unter uns. Und wer möchte nicht in der Lage sein, alles zu schaffen? Kurzerhand mal übers Feuer spaziert und die Metamorphose zu Bruce Allmächtig beginnt? Falsch. Damit sich keiner kläglich die Füsse verbrannte, würden sich alle vierzig Feuerläufer zeitaufwändig vorbereiten müssen. Ein spontanes Lustwandeln über glühende Kohle beim familiären Grillabend fiele demnach verheerend aus.

Das Schlimmste kennen, das Beste erwarten

Jeder sollte abends eigenverantwortlich und zweifelsfrei entscheiden, ob ein Feuerlauf für ihn drin läge. Der Schlüssel dazu war die Vorbereitung mittels Imagination. In unserer Fantasie stellten wir uns also dem Elend und sahen unsere Leiber auf einem Scheiterhaufen verkohlen. Wir stärkten uns mit Grössenwahn, während wir uns vorstellten, wie wir gleichsam über dem Glutteppich schweben würden. Verborgene Ängste befreiten sich. Es wurde geweint, gelacht und vor allem geschwitzt. Wir tanzten, redeten und schrieben nieder, was uns bewegte. Gerade so, als ob alle Zweifel auf diese Weise zurückgelassen würden.

Wie frisch gewaschen fühlten wir uns, als wir nach Stunden der Vorbereitung zum glühenden Schauplatz pilgerten. Obwohl wir innerlich vibrierten, kühlte die Nacht wohltuend unseren Geist. Dankbar für das Schweigen und voller Erwartung begegneten wir dem Feuer.

Die Entscheidung aus dem Innern aufsteigen lassen

Mit nackten Füssen ging ich über die nasse, kühle Wiese, bis ich am Ende allein vor der glühenden Gasse stand. Die Hitze erreichte mein Gesicht. Hart spürte ich meinen Herzschlag. Wie meine Hände zitterten! Zweimal tief durchatmen. Augen zu. Fokus! «Kann ich in den nächsten Sekunden barfuss über glühende Kohle gehen und dabei unversehrt bleiben? Ja oder nein?» Die Antwort sollten wir aus unserem Innern aufsteigen lassen. Mein Blick lag nun ruhig auf der Glut und ich atmete langsam. Wartend auf die Antwort fiel mir ein, dass ich ja recht dicke Hornhaut hätte. Ein Lächeln. Stille. Die Spannung stieg. Gleich würde die Entscheidung fallen!

Selbstermächtigung statt Allmacht

Nur das kleinste Zögern auf der Glut sei für die empfindlichen Hautschichten zu riskant. Ein hundertprozentiges Ja wäre daher Voraussetzung für die folgenden waghalsigen sechs Schritte. Mit dieser Knacknuss stand nunmehr jeder ganz alleine da. Tief in sich hineinhorchend und auf sich allein gestellt. Keiner da, dem man die Entscheidung hätte aufbürden können. Unsere Befürchtungen und Hoffnungen waren längst offenbar. Nach reiflicher Vorbereitung sollten wir unserer inneren Stimme vertrauen und eigenverantwortlich handeln. Ein wahrer Akt der Selbstermächtigung. Das ist mindestens so gut wie allmächtig!

In mir, aufsteigend aus meinem Bauch, hörte ich ein einziges, klares Wort.

Ambivalenzen aktzeptieren

Seien wir ehrlich, nicht alle Entscheidungen im Leben werden so eindeutig getroffen. Manchmal stehen nur schlechte und schlechtere Optionen zur Auswahl. Wer stände da schon zu hundert Prozent dahinter? Erinnern wir uns daran, dass eine Demokratie auch mit lautstarker Opposition funktioniert - die Mehrheit entscheidet. Das sind oft nicht die, die am lautesten schreien. Auch noch nach der Wahl. Die vermeintlichen Verlierer brauchen zwar etwas Aufmerksamkeit, beruhigen sich oft erstaunlich schnell.

Das Schlimmste kennen, das Beste erwarten

«Stehe ich schon am Feuer oder bin ich noch bei der Trockenübung?» Wenn’s mal schwierig wird, ist das eine durchaus berechtigte Frage. Je nachdem kann ein Entscheidungsprozess ganz schön aufwühlend sein. Anfangs ist ja noch alles offen und wir sind auf sicherem Boden. Ein guter Zeitpunkt die Fakten zu klären. Vielleicht fantasieren sie einmal, welche Auswirkungen Ihre Entscheidung möglicherweise hätte: «Erkenne deine schlimmsten Befürchtungen und wisse, dass du damit leben könntest. Erwarte gleichzeitig das Beste, das du dir ausmalen kannst.» Ein gewisses Risiko besteht immer, denn wir kennen die Zukunft nicht.

Ihre Antwort kommt vielleicht aus der Stille. Sie wird vielleicht körperlich wahrnehmbar sein. Oder als Gedankenblitz. Oder einfach als ein stimmiges Gefühl für die manchmal recht ruhige Mehrheit in Ihnen. Wohl an, viel Freude beim Entscheiden und den hoffentlich tollen, zukünftigen Auswirkungen.

Claudia Patricia Kronenberg

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