Hassen soll man nicht?

«Ich hasse Mathe!»

Ein Chor in meiner Küche! Zwei 9-jährige Mädels grinsen mich frech an und verleihen ihren Gefühlen verbal und lautstark Ausdruck. Ehrlich gesagt freut es mein Herz, dass es ihnen erlaubt ist, ihren Unmut so gerade heraus mitzuteilen. Freie Meinungsäusserung ist ein Menschenrecht, und ich bin froh, leben wir in einem Land, wo dieses Gut gewürdigt wird.

Trotzdem macht es etwas mit einem, wenn von Hass gesprochen wird, nicht?

Tabuwort Hass

Kinder benutzen das Wort Hass bedenkenloser. In der Erwachsenenwelt ist es allerdings nicht salonfähig. Es drückt ein sehr starkes, ablehnendes und abgrenzendes Gefühl aus, welches in der Regel mit zerstörerischer Handlung und Gewalttätigkeit in Verbindung gebracht wird. Und es scheint so gar nicht passend, wenn zwei süsse Mädels dieses Wort benutzen. Trotzdem tun sie es. Und zwar berechtigterweise - und glücklicherweise! Denn bevor sie aggressiv werden, reden sie über ihre Gefühle und das entlastet das Herz.

Zwischen Gefühlsimpuls und Ausagieren gibt es Raum

Ein Fallbeispiel (mit Erlaubnis): Eine Klientin erzählte mir, dass sie in der Schule von ihrem Lehrer über Jahre blossgestellt und beschämt wurde. Sie war über 45 Jahre alt, als wir das Thema ansprachen. Als ob es erst gestern passiert wäre, poppten blitzartig ihre Erinnerungen an die traumatische Erfahrungen auf, und zwar verbunden mit sehr unangenehmen Körperempfindungen. Auch wenn es schon lange her war, fühlte sie alles gegenwärtig. «Zum aus der Haut fahren», so beschrieb sie es und hielt es fast nicht aus. Kurzfristig erfolgreich kam sie dagegen an, als sie ärgerlich die Mathematik abwertete und inbrünstig betonte: «Ich hasse Mathe!» Sie bediente sich also eines stärkeren Gefühls, dem Hass, um ihre körperlichen Empfindungen zu übertönen. Eine an sich recht effiziente Strategie. Sie barg einen entscheidenden Nachteil: Sie verband das Hassgefühl mit Gewalttätigkeit und konnte es nicht richtig zulassen.

Folgende Erklärung half: Ein Gefühlsimpuls an sich ist ja noch keine Handlung. Dazwischen gibt es Raum - und so die Möglichkeit von Pause und Kommunikation. Und unter den gegebenen Umständen, war ihre Wut ja absolut berechtigt. Also liess sie sich mutig auf das Hass- und Schamgefühl ein, beobachtete es und kommunizierte, was sie fühlte und beschrieb was sie am liebsten tun würde. Dann entlud sich die im Körper gehaltene Energie. Tränen flossen, sie fror innerlich und die Hände begannen unkontrolliert zu zittern. Was bei diesem Prozess durchaus positiv zu deuten ist. Die Dame fand einen versöhnlichen Weg, sich nachhaltig von diesen Empfindungen zu befreien. Heute ist ihr Gefühl gegenüber dem Mathematikunterricht von damals neutral.

Mit allen Gefühlen durchs Leben gehen

Alle Ihre Gefühle sind ganz und gar mit Ihren Körperempfindungen verbunden. Sie sind immer Ausdruck eines Bedürfnis und grundsätzlich eine Kompetenz. Es liegt nahe, dass Sie alle Gefühle brauchen, um Ihre Integrität zu wahren, Beziehungen eingehen zu können und sich möglichst gesund zu entwickeln. Abgespaltene oder unterdrückte Gefühle stehen Ihnen nicht mehr zur Verfügung. Und somit können Sie auch diesen Raum zwischen Impuls und Handlung nicht konstruktiv nutzen. Gerade Hass baut sich unbewusst rasend schnell auf und entlädt sich möglicherweise unkontrolliert gegen Sie selber oder gegen Ihre Mitmenschen. Und hier sei gesagt, physische und psychische Gewalt gegen sich und andere ist nicht haltbar.

Werden Wut und Hass hingegen bewusst angenommen und integriert, verändern sie ihre Qualität. Hass verliert den destruktiven Charakter. Wut zeigt sich als vorwärtsbringende, warme Kraft, die das Selbstgefühl stärkt und Sie vorwärts bringt. Sie lässt Sie die eigenen Positionen und Grenzen deutlicher wahrnehmen und würdigen. Und auch die der anderen. Erinnern Sie sich? Gefühle sind grundsätzlich immer eine Kompetenz und vollkommen in Ordnung. Sie sind Teil Ihrer Lebensenergie.

Lebensfrohe Grüsse

Claudia Patricia Kronenberg

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